Das Cafe Hahn war früher ein stinknormales Cafe, in dem ältere Damen gerne bei Kaffee und Kuchen zusammensaßen und den neusten Klatsch und Tratsch verbreiteten. Das einzig besondere war ein Spielautomat, an den mein Cousin und ich als Kinder regelmäßig unsere Münzsammlungen verfütterten. Heutzutage hat sich die Location allerdings zum Koblenzer Treffpunkt in Sachen Kultur gemausert und bietet schon seit langem nicht nur Comedians und Kaberettisten, sondern auch richtig guten Bands ein Forum. Erst vor ein paar Monaten hatte ich das Vergnügen hier FISH live zu erleben und nun kündigt sich sich Anneke van Giersbergen an, Koblenz-Güls mit ihrer bezaubernden Anwesenheit zu beglücken. Endlich mal ein Heimspiel ohne lange Anreise, dafür ist die Parkplatzsituation vor Ort katastrophal, sodass ich gerne der Einladung eines Ordners auf den gebührenpflichten Schotterparkplatz gegenüber folge. Als ich den großen Saal betrete, bin ich zunächst ziemlich irritiert, da die Menschen größtenteils an Tischen sitzen, ihr Bier oder ihren Wein trinken und teilweise auch noch etwas essen. Ein gewöhnungsbedürftiger Anblick, wenn man vor anderthalb Wochen noch beim "Keep It True" war!
Leider sind die Hannoveraner Frames heute Abend nicht mit von der Party, sodass pünktlich um acht Uhr Kill Firelli die Bühne entern. Mit ihrem 08/15-Indie Rock können die Niederländer musikalisch nicht wirklich begeistern, als Vorband passen sie am heutigen Abend allerdings ganz gut ins Programm. Sie stammen nicht nur aus dem selben Land wie der Headliner, sondern teilen sich auch noch einen Gitarristen, was natürlich ganz praktisch ist. Außerdem sind auch Kill Ferilli female-fronted. Sängerin/Gitarristin Kelly steht dann auch klar im Mittelpunkt. Sie erinnert mich auf Grund ihrer Frisur zumindest optisch, ein wenig an die junge Amy Winehouse. Für ihre sympathischen Ansagen auf Deutsch und die durchschnittliche Performance erntet Kelly zwar nicht mehr als Höflichkeitsapplaus, sie und ihre Sidekicks haben aber trotzdem ihren Spaß und lärmen munter drauf los. Insgesamt ist jedoch kaum jemand unglücklich, als nach einer knappen dreiviertel Stunde Schluss ist.
Nach einer kurzen Umbaupause lässt Anneke van Giersbergen dann endlich die Sonne im Cafe Hahn aufgehen. Von Beginn an zieht die mittlerweile erblondete 39-Jährige das Publikum in ihren Bann. Sie verfügt einfach über eine unheimlich sympathische Ausstrahlung und verleitet die Altherrenrige am Tisch direkt vor der Bühne zu einem schieren Kameradauerfeuer. Ich frage mich, ob der Großteil der Anwesenden überhaupt schonmal von der Niederländerin gehört hat. Gerade die Tische scheinen zum Großteil von Mitgliedern des örtlichen Fördervereins besetzt zu sein, die sich wahrscheinlich (fast) alles anschauen. Annekes Frage, ob die Leute zum Abendessen da seien, ist also nicht ganz aus der Luft gegriffen. Die Antwort einer weiblichen Besucherin "We are here because we love you!" bringt es zumindest für einen Teil der Anwesenden auf den Punkt. Allerdings muss ich zugeben, dass auch ich Annekes musikalischen Werdegang in den letzten Jahren nicht konsequent verfolgt habe.
Ich hatte in den Neunzigern mehrfach das Vergnügen, sie mit The Gathering live zu erleben und bin dementsprechend mit dem aktuellen Songmaterial gar nicht vertraut. Das macht aber gar nix, denn gute Musik weiß auch spontan zu gefallen und genau das tut sie am heutigen Abend. Egal ob tanzbare Nummern, härtere Post Rock Songs oder ruhige Balladen, mit Annekes einzigartiger Stimme funktioniert einfach alles. Selbst die ein oder andere technische Panne fällt da kaum negativ ins Gewicht, vor allem dann nicht, wenn sie wie zu Beginn des Zugabenteils von der Sängerin mit dem The Gathering-Klassiker "My Electricity", auf Zuruf aus dem Publikum, solo überbrückt wird. Danach kommt dann auch endlich etwas Bewegung in die Menge und eine kleine Gruppe versammelt sich vor der Bühne, was Anneke so zu erfreuen scheint, dass sie sich nach unten begibt und ein Tänzchen mit den Fans auf's Parkett legt. Danach wird sogar noch zünftig abgebangt und ein etwas skurriler Abend findet sein gelungenes Ende. Ach ja, eine Band gab es natürlich auch und die war auch gar nicht mal schlecht, besonders der Leadgitarrist. Aus dem großen Schatten ihrer Sängerin traten die vier Jungs jedoch zu keinem Zeitpunkt hervor und das war gut so.
Die besten Konzerte sind immer die, zu denen man ohne große Erwartungen geht und die einen dann völlig unerwartet begeistern. Einen solchen Abend durften wir im Cafe Hahn heute erleben. Und dazu musste man nicht mal durch die halbe Republik fahren und lag noch vor Mitternacht im heimischen Bettchen, um am Morgen danach fit und bester Laune zur Arbeit zu gehen - what a beautiful day!