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18. Dezember 2017 - Uhr
 
Die Kolumne

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S.I.N.
"Da Vinci Code" für Fortgeschrittene
Matthias Decklar
www.sin-band.com


Eine der besten Melodic Scheiben der letzten Zeit kommt mal wieder über musicbuymail angeflattert. Die deutsch-norwegische Kombination bietet mit ihrem dritten Album eine Konzeptscheibe der Spitzenklasse, die allen Ansprüchen, in punkto Songwriting, Texten, Melodien und musikalischer Qualität genügt. Drummer Alex Hlousek stand uns Rede und Antwort.

Hi, Alex,
erzähl mal bitte etwas über die Idee zu "The 13th Apostle", wie kommt man darauf, die Geschichte von Jesus thematisch umzusetzen?

S.I.N.

Wie man darauf kommt? Wenn man's genau nimmt eigentlich durch dumme Zufälle. Der Bruder unsere Gitaristen Deddy hatte einen Traum. Er war bei Jesus und wollte unbedingt einer seiner Jünger werden. Aber Jesus hat ihm nur gesagt, dass die Geschichte doch geschrieben sei. Es gibt 12 Jünger, keine 13, daher kann er leider nicht dazugehören.
Irgendwie haben wir die Idee gemocht. Zuerst wollten wir nur einen Song daraus machen, doch nach und nach sind uns immer mehr Ideen gekommen, wie man die Geschichte noch erweitern könnte. Er verliebt sich in Jesus' Schwester usw. usf. Und nach und nach hat sich aus dem einfachen Song die Idee entwickelt ein ganzes Konzeptalbum mit einer abgeschlossenen Geschichte aufzunehmen.
Ursprünglich wollten wir eigentlich nie ein Konzeptalbum machen. Da waren unsere Ansprüche einfach zu hoch. Die Geschichte muss packend sein, die Songs müssen musikalisch der roten Linie der Story folgen, doch gleichzeitig muss jeder Song für sich selbst stehen können. Doch plötzlich hatten wir diese Geschichte, Songs welche die gesteckten Ziele erfüllen, und wir waren mitten in der Produktion eines Konzeptalbums, obwohl wir das anfangs eigentlich gar nicht so geplant hatten.

Bei mir findet ihr rein interessehalber mit einer solchen Scheibe mehr als Gehör. Wer hatte denn die Idee zu diesem speziellen Blickwinkel der Geschichte. Da stellt sich zudem die Frage, inwiefern ihr fachmännisch beraten wurdet?

Nun, wie bereits erwähnt hat sich die Geschichte aus dem Traum entwickelt. Wir haben uns dann mit Ana Kugli, einer langjährigen Freundin von Wolfgang und eigentlich der ganzen Band zusammengetan. Sie hat Literaturwissenschaften studiert und sogar ihren Doktor darin gemacht. Bei der Umsetzung der Story hat sie uns unglaublich viel geholfen, und ohne sie wäre das Album bei weitem nicht das geworden was es ist. Sie hat sich wirklich intensiv mit der Bibel, der Bibelgeschichte und den unterschiedlichsten Apokryphen beschäftigt und so eine unglaubliche Detailfülle erreicht. Und als Literaturexpertin hat sie genau gewusst, wo sie zum Suchen anfangen muss und wie unsere Story auch in die gegebenen Fakten der damaligen Zeit eingebetet werden muss. Wir verdanken ihr für den Erfolg der Platte wirklich sehr, sehr viel.

Es ist doch Wahnsinn, dass gerade das Leben und Wirken von Jesus Christus die Menschheit nicht loslässt und immer wieder neue Akzente in der Forschung gesetzt werden. Der Öffentlichkeit ist oft nicht klar, dass Jesus von Nazareth eigentlich ein Prog-Metaller war, ein Revolutionär seiner Zeit, der einen fundamentalen Umsturz der bestehenden Ordnung forderte und für diesen eintrat. Der Messias war definitiv ein knallharter Typ. Was man aus seiner Lehre in der Folge gemacht hat, ist eine andere Sache. Wie siehst du das?

Schwierige Frage, vor allem weil es ja nicht so war, dass wir unbedingt ein Album mit biblischem Hintergrund schreiben wollten. Das hat sich halt so entwickelt.
Aber du hast schon Recht. Die Kirche müsste in vielerlei Hinsicht sehr kritisch hinterfragt werden. Es ist bei uns ja nicht so, dass wir die Bibel und die Geschichte Jesu in Frage stellen oder gar verspotten, nichts liegt uns ferner, aber viele Leute wissen nicht, dass die Kirchenoberen in diversen Konzilen entschieden haben, welche Lehren und Bücher in die Bibel kommen und welche nicht. Vielen Personen ist nicht bekannt, dass es auch ein Buch Jesu gibt, so wie die Bücher Lukas, Matthias usw. All diese Gleichnisse, Erzählungen und Geschichten, die es nicht in die Bibel "geschafft" haben, werden Apokryphen genannt. Wir haben lediglich unsere eigene Apokryphe geschaffen. Ich bin auch der festen Überzeugung, dass man die Bibel auf keinen Fall als Tatsachenbericht hinnehmen darf, sondern eher als ein "Anleitung zum Leben" oder ein Regelsammlung für ein sorgsames, rücksichtsvolles Miteinander.
Ich für meinen Teil würde von mir behaupten schon ein gläubiger Mensch zu sein. Ich glaube an einen Gott, oder eine "höhere Macht", die alles ein wenig in die richtigen Bahnen zu lenken versucht. Doch ich brauche ganz entschieden keine Kirche dazu. Ich könnte mit dir jetzt stundenlang über die Sinnhaftigkeit eines Papstes, der sich allen Ernstes "Vertreter Gottes auf Erden" nennt, diskutieren, aber das wäre hier dann doch etwas fehl am Platz und würde den Rahmen sprengen.

Da könnten wir beide uns sicherlich über Tage unterhalten Ihr habt euch illustre Gäste ins Studio geholt, um die Scheibe zu veredeln. Wie kam es dazu?

S.I.N.

Carsten Schulz, der die Rolle von Jesus übernommen hat, ist schon lange ein sehr enger Freund der Band. Bevor wir S.I.N. gründeten und Carsten damals bei Domain einstieg, spielten wir zusammen in der Band FOREVER. Aus business-technischen Gründen mussten wir uns damals leider trennen, aber seitdem wollten wir unbedingt mal wieder zusammen arbeiten. Jetzt, mit der Produktion von "The 13th Apostle", hat sich diese Möglichkeit dann endlich ergeben. Die Tatsache, dass Carsten im selben Ort wie Deddy wohnt hat das Ganze dann nochmals vereinfacht. Über Carsten kam dann der Kontakt zu Judas, oder besser gesagt Conny Andreszka zustande. Er hatte ihn dann einfach bei uns im Studio dabei und das Aufnehmen mit ihm hat von Anfang an super funktioniert.
Etwas komplizierter war da die Besetzung von Junia, da wir einfach keine wirklich gute Rock-Sängerin persönlich kannten. Deddy hat Renee Walker dann über MySpace kennen gelernt. Echt eine feine Sache dieses Portal. Es war schlicht unglaublich was diese Frau am Mikro geleitstet hat. Man kann sich kaum vorstellen, dass sie all ihre Stimmen an einem Nachmittag aufs Band gebracht hat. Wir haben mit ihr dann noch zusätzliche Chöre recorded, die anfangs nicht mal auf dem Plan standen. Der pure Wahnsinn.
Und Boban war ja Frontman der Karlsruher Formation WICKED SENSATION. Die Jungs kennen wir auch schon lange, und Boban hat einfach mal bei uns vorbeigeschaut als er in Deutschland war, er wohnt ja in Paris.
Auf jeden Fall sind wir auch ziemlich stolz drauf solch hochkarätige Sänger auf dem Album verewigt zu haben. Das hat schon sehr viel Spaß bereitet mit ihnen allen zu arbeiten.

Ich finde die Ballade "Tears Of Gethsemane" echt klasse. Aber auch alle anderen Songs, insbesondere "Junia's Eyes" sind wahre Perlen. Wie läuft das Songwriting bei einer international besetzten Band wie euch?

In den meisten Fällen arbeiten Deddy und Wolfgang die ersten Ideen gemeinsam aus. Wenn die erste Struktur steht, dann arrangieren wir die Songs gemeinsam durch, tauschen Ideen aus, da ändert sich dann im Proberaum schon immer noch einiges. Aber die grundsätzlichen Dinge kommen von Deddy und auch Wolfgang. Die Songs die wir dann ausgearbeitet haben schicken wir Pat als MP3. Das Internet vereinfacht uns die Arbeit da schon erheblich.

Wer hat denn die geniale Covergestaltung zu verantworten?

The 13th Apostle Cover

Das komplette Album wurde von einem japanischen Fan von uns designed. Sie war schon im Besitz unserer ersten beiden Scheiben, und wiederum über MySpace sind wir mit ihr in Kontakt gekommen. Man tauscht sich aus, schreibt ein paar Mal hin und her und plötzlich flattern einem die ersten Designs ins E-Mail-Postfach. Sie ist Grafikgestalterin und hat sich dann der ganzen Sache angenommen.

Was habt ihr bezüglich der Liveumsetzung vor? Gibt es eine Konzeptshow, bei der das gesamte Album gespielt wird?

Was live passieren wird können wir leider noch gar nicht absehen. Wir würden mit der Sache unglaublich gerne auf die Bühne, wissen aber ehrlich gesagt noch nicht wie das finanziert werden soll. Durch eine internationale Besetzung mit einem Sänger aus Norwegen wird das alles halt ein deutliches Stück teurer. Da setzt man sich nicht mal kurz ins Auto und fährt ein paar hundert Kilometer, sondern das muss alles etwas genauer geplant und vor allem kalkuliert werden.
Dann wissen wir auch noch nicht wie wir das machen. Mit allen Sängern live zu spielen wäre eine unglaubliche Freude, aber das würde auch jedes Budget sprengen. Sänger vom Band... nun ja... auch nicht unbedingt das Wahre.
Wir sind dran uns da was zu überlegen, aber wie das im Endeffekt werden wird, das ist noch völlig offen.

Wie siehst du die Lage einer Band wie S.I.N. in der momentanen Szene. Ihr habt euch sicherlich gut überlegt zu musicbuymail zu wechseln, oder?

Die Szene ist sehr undurchsichtig im Moment. Zum einen ist es ne tolle Sache, dass viele Bands ihre Alben veröffentlichen können, zum anderen liegt aber auch genau da die Wurzel allen Übels. Wenn ich im Monat genug Geld habe um mir zwei CDs zu kaufen, dann kann ich mir doch nicht plötzlich mehr kaufen, weil statt 5 nun 30 im Monat erscheinen, die mich interessieren.
Die Labels veröffentlichen heute einfach zu viel Material. Das Geld, das vor 20 Jahren mit zwei Bands verdient wurde, das muss heute eben mit 30 Bands verdient werden. Für die Labels ändert sich nicht viel, aber die Bands leiden darunter, die Werbung wird schwächer und man hofft in der Release-Flut einfach drei oder vier Alben dabeizuhaben, die den Gewinn bringen, der Rest muss nur kostendeckend raus. In meinen Augen wird auch zu wenig in den Nachwuchs investiert. Man lässt niemandem mehr großartig Zeit sich über 2-3 Alben zu entwickeln und eine Fan-Base aufzubauen. Wer beim ersten Mal nicht genug bringt, der bekommt keine zweite Chance. Viele Labels verfolgen auch sonst merkwürdige Strategien. Statt mal wirklich auf neue, frische Bands zu setzen, wird halt doch lieber das zwanzigste All-Star-Projekt gesigned, oder es kommt die fünfzehnte "Compilation of unreleased Tracks".
Musicbuymail und Artistservice verfolgt da einen anderen Ansatz. Keine Abtretung der Rechte, keine undurchsichtigen Verträge, eine offene Atmosphäre. Hier wurde auf die oben genannten Umstände reagiert, und ein neues Konzept umgesetzt. Wir sind sehr überzeugt hiervon und sicher, dass es für uns die richtige Entscheidung war hier mit MBM zusammenzuarbeiten.

S.I.N.

Dein Schlusswort an die Fans:

Kauft die Scheibe, die ist toll, haha... Nein im Ernst wir freuen uns über jeden den wir mit unsere Musik beglücken können, und zögert auch nicht über unsere Seiten www.sin-band.com, oder www.MySpace.com/somewhereintonowhere mit uns in Kontakt zu treten.
Und dir vielen Dank für das entspannte Interview.

Das Kompliment gebe ich natürlich gerne zurück, denn ich freue mich immer sehr, wenn Musiker auch etwas zu sagen haben und eine gesellschaftliche Meinung haben, die sie vertreten können. Ich kann Alex in ganz vielen Punkten sehr ausdrücklich zustimmen und hoffe, dass die Anregungen endlich bei den Plattenfirmen ankommen. So macht man auf Dauer die musikalische Szene kaputt und frustiert Bands und Fans. Ich hoffe, S.I.N. mit der Umsetzung dieses Albums auf der Bühne bestaunen zu können und würde für diese Geschichte auch eine Zukunft als Musical sehen. Gerade VANDEN PLAS machen es ja momentan vor, wie großartig man eine Heavy Scheibe im Theater umsetzen kann.

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